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LE TEMPS SENSIBLE

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Zusammengestellt von Mathilde Roman und Anna Mitterer (Text: Anna Mitterer)

Juste le Temps (Nur die Zeit), Robert Cahen, 1983, 12:45 Min.
Je ne me souviens plus (Ich kann mich nicht mehr erinnern), Sabine Massenet, 2002, 4:30 Min.
Passenger, Jutta Strohmaier, 2004, 15 Min.
What do I know, Sejla Kameric, 2007, 15 Min.
Loss, Hans Op de Beeck, 2004, 11 Min.
V’là le plaisir ! (Hier die Freude!), Veronique Aubouy, 2008, 10:25 Min.
Sonate, Anna Mitterer, 2008, 6:20 Min.

„Proust bedient sich folglich kinematographischer Begriffe: die Zeit lässt ‘den Schein ihrer Laterna Magica über (die Körper) hingleiten’ und die Einstellungen in der Bildtiefe koexistieren.“ (Gilles Deleuze, Das Zeit-Bild, Kino 2, S.58, 1985)

Das video des monats #42 ist eine Zusammenstellung von Arbeiten unter dem Titel „Le Temps Sensible“ und begibt sich auf die Spurensuche nach Marcel Prousts Zeitphilosophie in der Videokunst. Obwohl einige der Arbeiten keinen direkten Bezug zu Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit aufweisen, zeigen sie jedoch Querverweise und Verbindungen zur Dimension Prousts. Durch den Dialog der gezeigten Arbeiten ergeben sich Fragen, die in der Kontinuität von Marcel Prousts Suche nach der verlorenen Zeit stehen. In seinem Erinnerungswerk entwickelt Proust eine Zeitphilosophie, in der die Vergänglichkeit letztlich überwunden wird. Die Zeit stirbt nicht, wie es anfänglich scheint, sondern bleibt dem Menschen einverleibt. Körper und Geist sind Zeitbehälter, die „vielfach gestützt eine gebrechliche kostbare Wirklichkeit tragend: das Bild“ transportieren. Prousts erstes Thema ist die Zeit, die zerstört, sein zweites die Erinnerung, die bewahrt. „Wie es eine Geometrie im Raum gibt, gibt es auch eine Psychologie in der Zeit, […].“ Trotzdem unterliegt die Zeit nicht äußeren Gesetzmäßigkeiten. So wie die Suche nach dem Verlorenen sich nur in uns vollziehen kann und die reale Welt als solche nicht existiert, ist auch die Zeit elastischer Natur; das Erleben verkürzt oder dehnt sie aus.

„Die Zeit, über die wir täglich verfügen, ist elastischer Natur; die Leidenschaften, die wir an uns selbst erleben, vermögen sie auszudehnen, die, die wir andern einflößen verkürzen sie, die Gewohnheit füllt sie aus […]“ (M. Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte, 1918)

Juste le Temps von Robert Cahen (geb. Frankreich 1963) zeigt eine traumähnliche, impressionistische Zugreise durch die französische Landschaft. Die durch elektronische Nachbearbeitung herbeigeführte malerische Abstraktion der am Abteilfenster vorbeiziehenden Landschaft steht der fragmentierten, angedeuteten Narrative der Begegnung einer Frau und eines Mannes im Zug gegenüber. Cahen manipuliert Bilder und Ton. Er schafft dadurch einen Übergang zwischen Vorstellung und Zeitlichkeit. Die Reise ist eine Abstraktion und verweist auf eine transformierte Realität und ihre Vergänglichkeit. In Juste le temps ist die Zeit einer unerfüllten Sehnsucht unterworfen und auch die durch elektronische Nachbearbeitung impressionistisch anmutende Landschaft verweist auf eine innere, von der äußeren Realität losgelöste Zeitlichkeit.

„Ihre Bilder kommen nicht allein ungerufen, es handelt sich vielmehr in ihr um Bilder, die wir nie sahen, ehe wir uns an sie erinnerten.“ (Walter Benjamin zur mémoire involontaire bei Proust)

Je ne me souviens plus von Sabine Massenet (geb. Frankreich 1968) beschäftigt sich mit dem Rekonstruieren von Vergangenheit. Den Kindern wurde eine Geschichte erzählt. Der Prozess der Rekonstruktion einer Narrative wird dargestellt im Augenblick, wenn dieser nicht mehr möglich ist. Die Kinder, eines nach dem anderen, sprechen den Satz „Je ne me souviens plus“ – „Ich kann mich nicht mehr erinnern“. Doch es handelt sich nicht um irgendeine beliebige Form der Erinnerung, sondern um ein freiwilliges, methodisches Erinnern, das fehlschlägt, und der unwillkürlichen Form der Erinnerung entgegengesetzt ist.

„…und ich war wie der Reisende, der, da er beim Aufbruch zu einem Ausflug die Sonne vor sich hatte, bemerkt, wie die Stunden vergangen sind, wenn er feststellt, dass sie nunmehr hinter ihm steht“ (M. Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte, 1918)

Auch in Passenger von Jutta Strohmaier (geb. Österreich 1966) geht es um das perzipierende Bewusstsein, das in seiner Zuwendung auf das je Gegenwärtige in der Situation des Reisenden, immer nur einen Ausschnitt der Realität wahrnehmen kann und für den während seiner Fahrt immer schon der gegebene Augenblick in der Nacht zu verschwinden beginnt, während der kommende noch undurchdringbar ist. „Das nur spärlich einfallende Licht und insbesondere die Ausschnitthaftigkeit des Blickes nach außen geben dem Innenraum den Charakter einer Bühne, die sich jedoch mit Tagesanbruch selbst wieder in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu rücken beginnt. […] Der Betrachter sieht die Tage vorüberziehen wie ein Reisender, der seinen Blick aus dem Zugfenster über eine Landschaft schweifen lässt. „(Jutta Strohmaier)

Mit den Freuden ist es wie mit den Photographien. Was man in Gegenwart des geliebten Wesens aufnimmt, ist nur ein Negativ, man entwickelt es später, bei sich zu Hause, wenn man in die innere Dunkelkammer zurückgefunden hat, die zu betreten verpönt ist, so lange man andere Menschen sieht.“ (M. Proust, Im Schatten junger Mädchenblüte, 1918)

Loss von Hans Op de Beeck (geb. Belgien 1969) ist eine Animation von überblendeten Photographien, die von einem ins Nächste weisen, als wäre die Erinnerung teil jedes bestehenden Bildes. Einerseits geht es um jene Desillusionierung mit einer untergegangenen Welt, jenem „Deluge“, das mit dem ersten Weltkrieg dieser Welt des 19. Jahrhunderts ein Ende machte, anderseits ist es das Leben selbst, das in Form des Wiederkehrens in der Arbeit Loss anhand von Bildern der Vergangenheit, von Straßenzügen, Schlössern, Gartenlandschaften, Ansichten der belgischen Küste im ersten Weltkrieg, gezeigt wird.

„[…] denn die wahren Paradiese sind Paradiese, die man verloren hat.“ (M. Proust, Die wiedergefundene Zeit, 1927)

Zwischen dem Vergangenen und nun mehr Wiedergefundenen liegt aber noch jene in der Wieder-Erinnerung lebendig gewordene Distanz, die erst in den seltenen Augenblicken, da die außerzeitliche Essenz in Form der Erinnerung eine Analogie zwischen Gegenwart und Vergangenheit schafft, verschwindet. Diese Distanz scheint in What do I know von Sejla Kameric (geb. Bosnien 1976) aufgehoben, da die Akteure einer Kindheit und Jugendlichkeit der Vergangenheit, in der Gegenwart, die jedoch auch schon vergangen scheint, wie Erwachsene agieren.

„Amusez-vous mesdames, v’là le plaisir.“ (M. Proust, Die Gefangene, 1923)

Veronique Aubouy (geb. Frankreich 1961) lässt seit 1993 vor ihrer Kamera aus Marcel Prousts „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ lesen. Es tragen Leute aus den verschiedensten sozialen Milieus und an allen möglichen Orten vor. Mehr als ein Film, ist diese Arbeit eine sich lebenslang wiederholende und gleichende Geste. Als sie eingeladen war, ein Jahr in Champs Libre (Spielraum) in Rennes/Bretagne zu wohnen, konzentrierte sie diese Geste auf den Alltag eines Ballungszentrums, indem sie Menschen an ihren Arbeitsplätzen oder an symbolträchtigen Orten filmte. V’là le plaisir ist einer von 50 Filmen, die zwischen Oktober 2007 und Oktober 2008 entstanden sind. Die Leser sind nicht nur der Zeitlichkeit des Films unterworfen, sondern in dem sie Marcel Prousts „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ vortragen, entsteht ihr eigener persönlicher Zeitraum für diese Lektüre.

„Es ist das kleine Thema von Vinteuil, ich darf nicht hinhören!“ (M. Proust, Eine Liebe von Swann, 1913)

Sonate von Anna Mitterer (geb. Österreich 1980) bezieht sich auf die fiktive Violinsonate von Vinteuil, die immer wieder in „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ auftaucht. Die Erinnerung wird ermöglicht durch das, was der Augenblick, wo man sich erinnert, mit dem Augenblick, an den man sich erinnert, gemeinsam hat. In „Eine Liebe von Swann“ wird das erneute Hören des kleinen Themas der Violinsonate von Vinteuil für Swann zur Auferstehung der Vergangenheit, lässt ihn aber auch seine Liebe zu Odette erneut durchleben. Kernstück der Arbeit ist eine neu komponierte Interpretation der Sonate von Alexander Wagendristel (geb. Österreich 1965).

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